Das Schweißerprüfungssystem in Europa steht vor der größten Veränderung seit der Einführung der ISO 9606-1 im Jahr 2013. Die Normungsausschüsse arbeiten unter Hochdruck an einer vollständigen Neufassung der Normenreihe. Aus ehemals fünf getrennten Normen für unterschiedliche Materialien wird ein einziges, allumfassendes Dokument für das Schmelzschweißen von Metallen.
Obwohl sich die Veröffentlichung der nationalen DIN EN ISO 9606 aufgrund hunderter Einsprüche (allein aus Deutschland gab es rund 240 Änderungswünsche) voraussichtlich auf Anfang 2027 verschiebt, stehen die technischen Kernpunkte bereits fest.
Für metallverarbeitende Betriebe und Schweißaufsichten bedeutet das: Wer die Logik der Schweißpositionen und Durchmesser-Geltungsbereiche versteht, kann bares Geld sparen und unnötige Doppelprüfungen vermeiden. In diesem Ratgeber erklären wir ausführlich die neuen Spielregeln der neuen ISO 9606 für Positionen, Rohre und die beliebten "Zertifikats-Hacks".
1. Die Megafusion: Gleiche Geltungsbereiche für alle Werkstoffe
Bisher mussten Schweißaufsichtspersonen je nach Werkstoff in unterschiedlichen Normen blättern, um die Geltungsbereiche der Schweißer zu bestimmen (ISO 9606-1 für Stahl, ISO 9606-2 für Aluminium etc.). Diese Zersplitterung hatte zur Folge, dass feine Unterschiede in den Tabellen für Verwirrung sorgten.
Das ändert sich: Mit der neuen, konsolidierten ISO 9606 werden die Regeln für Schweißpositionen und Rohrdurchmesser werkstoffübergreifend komplett vereinheitlicht. Egal ob Ihre Schweißer an unlegiertem Baustahl, Edelstahl, Aluminium oder Titan geprüft werden – die Logik der Abdeckungen und Geltungsbereiche ist ab 2027 absolut identisch.
2. Die Schweißpositionen nach ISO 6947: Wer deckt was ab?
Grundsätzlich bleibt in der Schweißtechnik der bewährte Pfeiler stehen: Eine schwierigere Schweißposition qualifiziert automatisch für einfachere Positionen. Wer die physikalisch anspruchsvolle Zwangslage beherrscht, darf die Naht auch in der bequemen Wanne schweißen.
Hier ist die offizielle Hierarchie der Positionen nach ISO 6947:
PA (Wannenposition / flach liegend): Die einfachste aller Positionen. Eine Prüfung in PA deckt ausschließlich PA ab.
PB (Horizontal-Vertikal / Kehlnaht): Qualifiziert für PA und PB.
PC (Querposition / horizontal an senkrechter Wand): Qualifiziert für PA und PC.
PD (Horizontal-Überkopf / Kehlnaht): Qualifiziert für PA, PB und PD.
PE (Überkopfposition): Qualifiziert für PA, PB, PD und PE.
PF (Senkrecht steigend) / PG (Senkrecht fallend): Achtung! Steig- und Fallschweißen schließen sich nach wie vor streng gegenseitig aus. Eine Prüfung in PF deckt niemals PG ab und umgekehrt.
3. Der "H-L045-Trick" – Die schlauste Prüfung für Ihren Betrieb
Wenn Sie Ihre Schweißer einzeln für jede Blech- und Rohrposition prüfen lassen, explodieren die Zertifizierungskosten. Clevere Betriebe nutzen daher seit jeher den sogenannten "H-L045-Trick":
H-L045 (Steigschweißen an geneigter Rohrachse, 45°): Das ist die unangefochtene Königsdisziplin. Wer an einem fest eingespannten Rohr im 45°-Winkel steigend schweißt, muss während einer einzigen Naht fast alle Schweißpositionen (PA, PC, PE, PF) fließend nacheinander bewältigen.
Der Geltungsbereich: Besteht der Schweißer die Prüfung in H-L045, ist er automatisch für alle Schweißpositionen qualifiziert (ausgenommen Fallnähte PG und PJ). Das gilt für Rohre UND für Bleche.
Wie Sie bei Rohrdurchmessern optimal Kosten sparen:
Um den Spareffekt zu maximieren, kombinieren erfahrene Schweißaufsichten die Position H-L045 mit einer cleveren Wahl des Rohrdurchmessers (D): Liegt der Außendurchmesser des Prüfstücks über 25 mm, deckt die Prüfung automatisch auch Bleche ab. Gleichzeitig qualifiziert ein Prüfdurchmesser von beispielsweise 60 mm den Schweißer für alle Rohre ab der Hälfte dieses Wertes, also ab 30 mm bis unendlich.
Das bedeutet: Eine einzige Schweißerprüfung an einem 60-mm-Rohr in der Position H-L045 qualifiziert Ihren Mitarbeiter für fast alle vorkommenden Rohrschweißungen ab 30 mm Durchmesser sowie für sämtliche Blechschweißarbeiten in allen Standardpositionen. Sie ersetzen damit bis zu fünf Einzelprüfungen durch ein einziges Zertifikat.
4. Sonderfall Laserhandschweißen (Prozess 52): Das Ende der Rohr-Regeln
Das manuelle Laserstrahlschweißen boomt in den Werkstätten und wird in der neuen ISO 9606 erstmals offiziell normiert. Doch genau hier bricht die neue Norm mit den gewohnten Privilegien:
Strikte Trennung von Blech und Rohr: Beim Laserhandschweißen (Prozess 52) gilt die gegenseitige Abdeckung von Blech und Rohr nicht mehr. Eine bestandene Prüfung am Blech deckt das Schweißen von Rohren ausdrücklich nicht ab – unabhängig vom Durchmesser.
Enge Positionsgrenzen: Da die manuelle Führung des extrem fokussierten Laserstrahls eine völlig andere Handfertigkeit verlangt als der breite Lichtbogen beim MAG- oder WIG-Schweißen, werden auch die Positions-Geltungsbereiche für das Laserschweißen massiv eingeschränkt.
Wer im Betrieb Rohre und Bleche mit dem Handlaser fügt, muss seine Mitarbeiter künftig separat auf beiden Produktformen prüfen lassen.
Fazit: Bereiten Sie Ihre Fertigung vor
Die neue ISO 9606 bringt durch die werkstoffübergreifende Vereinheitlichung viel Licht, durch schärfere Regeln beim Laserhandschweißen aber auch neuen bürokratischen Aufwand in die Betriebe.
Als Ihre externe Schweißaufsicht im Raum Niedersachsen, Emsland und Ostfriesland behalten wir die Entwicklungen für Sie im Blick. Wir analysieren Ihre bestehenden Schweißerzertifikate und erarbeiten eine maßgeschneiderte, kosteneffiziente Prüfungsstrategie für die Umstellung.
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